Neckermanns “ Urahndl „

Reisezeit! Mallorca im Mittelpunkt des Interesses, die Zeitungen sind voll von Reiseberichten und Empfehlungen für die Insel. Massentourismus seit den 60-er Jahren. Keiner fragt mehr, woher kommt das organisierte Reisen? Ja, Neckermann und den Thomas Cook, die kennt jeder, der eine Pauschalreise bucht. Aber wer kennt den Österreicher, Josef Hinterseer?

Die österreichische Tourismusfachzeitschrift „ tourist austria“ berichtete im Frühjahr 2007 von einer interessanten Urkunde aus dem Jahr 1838. Aus dieser geht hervor, dass ein gewisser Josef Hinterseer in Salzburg am 10. Mai 1838 verlauten ließ, dass er über abgehende Post- und Botenwägen, über Lohnfuhrwerke Salzburger Lohnkutscher, über die schnellsten und billigsten Reiseangelegenheiten überhaupt, informiere. Darüber hinaus besorge er für Reisende auch Plätze auf Retour- und Stellwägen auf allen Straßen, übernehme dringende Reise-Effekten und Gepäck.

Dies könnte man als das „Erste Salzburger Reisebüro“ interpretieren, noch bevor in England Thomas Cook 1845 das angeblich älteste Reisebüro der Welt gegründet hatte.

1863 wurde in Breslau Deutschlands erstes Reisebüro von Carl Stangen, einem Zeitgenossen unseres Erzherzogs, eröffnet. Dieses bot 1873 Reisen nach Ägypten an und 1878 sogar Weltreisen.

Und was die Insel betrifft, war es Ludwig Salvator der zu Ende des 19. Und Beginn des 20. Jahrhunderts sich gemeinsam mit einer Handvoll Mitglieder der Elite der Insel dafür einsetzte, diese für den Fremdenverkehr zu öffnen. Sie gingen von der Annahme aus, dass ihre intakt erhaltene Natur und die herrschende Ruhe viele Reiselustige anziehen würde.
Um die Schönheit der Küste zu genießen, ließ Salvator ein kilometerlanges Wegenetz anlegen für Wanderer mit Aussichtspunkten und Schutzhütten. Immer mehr Reisende lockte er so auf die Insel.

Dem 1905 gegründeten Fremdenverkehrsverband Mallorcas schrieb er ins Stammbuch: „Dort, wo früher nur ein einfaches Wirtshaus war, erheben sich palastähnliche Hotels, öffentliche Anlagen werden geschaffen, Straßen gebaut, ein neuer Modeplatz ist entstanden, mit der Leichtigkeit, mit welcher sich Pilze vermehren“.

Mit dem Flugzeug als Transportmittel und den sinkenden Flugpreisen waren Destinationen schnell und bequem zu erreichen. Dadurch war der Prototyp der modernen Urlaubsreise entstanden – industriell standardisierte, preisgünstige Angebote.

Ob sich der Naturfreund Ludwig Salvator das so vorgestellt hat?
Das Knirschen im Sarg in der Kapuzinergruft zu Wien kann durchaus als Sorge über die Touristenflut von 14 Millionen Gästen 2016 verstanden werden.

Über den Autoren

Friedrich A. Panizza

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04 2016

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    Lieber Herr Panizza,
    natürlich hat sich Ludwig Salvator das Reiseverhalten der Menschen nicht so vorgestellt, wie Sie es so treffend formulieren. Geschichtliches, kulturelles und menschliches Interesse an den Bereisten war dem Adel, dem Großbürgertum, den Wissenschaftlern und den wirklich Interessierten vorbehalten.
    Die Werke des Erzherzogs wurden nur in einer kleinen Auflage den Interessierten, Freunden und Verwandten als Geschenk übersandt. Erst wie es dem Erzherzog finanziell schlechter ging, hat der Verlag Woerl einige wenige Titel einem größeren Publikum in Volksausgaben zur Verfügung gestellt. Auch die heutige Methode, eines so genannten Ludwig Salvator – Kenners, seine Titel ins Netz zu stellen, damit jeder einmal darin „rumblättern“ oder Zitate daraus entnehmen kann, wäre für den Erzherzog ein Grauen gewesen.
    Dem Erzherzog widerstrebte es, sich in der Masse zu bewegen. Deshalb war er auch so wenig in Wien oder anderen Großstädten anzutreffen. Inseln, kleine abgeschiedene Orte und Plätze waren seine Leidenschaft. Dies hinderte ihn aber nicht daran, unter seinem Pseudonym, in der dritten Klasse der Eisenbahn oder den Schiffen seine Menschenstudien zu betreiben. Natürlich kann ein von Jesuiten erzogener und ausgebildeter Erzherzog von allen Menschen lernen, sei es von den einfachsten bis hin zu den hochgestelltesten Persönlichkeiten. Anders herum bedarf es schon eines großen Interesses, einer Leidenschaft zum Lernen, der Offenheit gegenüber dem Andersartigen und einer gewissen Grundbildung, um dem Reisen und der Lektüre seiner Werke ‚den‘ Nutzen abzugewinnen, den Ludwig Salvator im Sinn hatte. Sicherlich wäre er der erste gewesen, der sich heute für ein Schulfach „Reisen“ eingesetzt hätte.
    Die von Ihnen angesprochenen Wanderwege ließ L.S. für sich und seine Gäste anlegen, um ihnen die Naturschönheiten und Vielfalt der Landschaft, in Natura, vor Augen zu führen. Nie hätte er daran gedacht, dass Massen diese Insel vereinnahmen würden und auf ausgetretenen Wegen seine Landsitze aufsuchen könnten. Vielleicht wäre es doch besser und mehr im Sinn des Erzherzogs, „das andere Mallorca“ nicht so propagandamäßig zu vermarkten, damit nachfolgende Generationen auch noch diese Naturschönheiten bewundern können. Ludwig Salvator war auf keinen Fall „der erste Aussteiger und Grüne“, wie man ihn oft bezeichnet. Er war ein Mensch, der respektvoll mit dem Andersartigen, Fremden und Geheimen umging und nie das Ziel seines Interesses aus den Augen verlor: „Das was verschwindet, zu bewahren“



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